18. März 2009

Chengyu aus der chinesischen Geschichte

Posted in Geschichte, Kultur, 四字組, 成語, 日本語 um 6:59 pm von krisnawan

Die schon vorher erwähnte japanische Webseite zum Chinesischlernen mit Chengyu hat eine Reihe von „klassischen“, der chinesischen Geschichte entnommen Chengyu. Diese können alle als weitläufig bekannt gelten, werden aber nicht unbedingt häufig in der täglichen Sprache verwendet, da sich manche von ihnen auf ganz spezielle Ereignisse beziehen, die sich nicht gut auf andere Situationen übertragen lassen. Ich habe die Chengyu in chronologischer Weise angeordnet.

  • 酒池肉林 jiǔchíròulín „Seen aus Wein und Wälder aus Fleisch“: Beschreibt die Dekadenz des Yin-Reiches: Mit zum Fall des letzten Königs der Yin (auch Shang genannt) soll dessen Dekadenz beigetragen haben: so berichten die Geschichtsschreiber, daß dieser Seen ausheben und diese mit Wein füllen ließ und dann an diesen Seen verschiedene Stücken an Fleisch aufhängen ließ, wie ein Wald aus Fleisch. Bei dieser Beschreibung darf man allerdings nicht vergessen, daß wie in der Geschichte des westlichen Altertums auch hier der Sieger die Geschichte schreibt…
  • 臥薪嘗膽 wòxīnchángdǎn „auf Feuerholz schlafen und Galle trinken“, „lange Entbehrungen auf sich nehmen bis zum Erfolg“: Aus der Zeit der Frühling- und Herbstannalen, 5. Jh. v.Chr. Das Zhou-Königreich trat die Nachfolge des Yin-Königreichs an, doch zeigten sich bald Risse in seiner Herrschaft, in der Zeit der Frühling- und Herbstannalen erschienen eine Reihe von kleineren und größeren Fürstentümern, die nominell Vasallen des Königs von Zhou waren, sich aber immer unabhängiger gerierten. Während dieser Zeit stritten diese Fürstentümer, von denen die größeren sich auch gern als Königreiche bezeichneten, zunächst untereinander um die Vorherrschaft. Zwei dieser Reiche waren Wu und Yue. Bevor der König von Wu an den Folgen eines Giftpfeils der Yue verstarb, schärfte er seinem Sohn und Nachfolger ein, nie zu vergessen, daß es der König von Yue war, der die Schuld daran trug. Nachdem der Sohn den Thron bestieg, schlief er jede Nacht auf einem Stapel Feuerholz, um sich daran zu erinnern. Bald schon hatte er Gelegenheit, den Tod seines Vaters zu rächen und nahm den König von Yue gefangen, ließ ihn aber nicht umbringen, sondern ließ ihn nach ein paar Jahren demütigender Knechtschaft wieder ziehen. Um diese Demütigung aber nicht zu vergessen, zwang sich der König von Yue wiederum, jeden Tag bittere Galle zu trinken. Nach zehn Jahren hatte er Yue entsprechend gestärkt, daß er wiederum in den Krieg gegen Wu ziehen konnte und schließlich den König von Wu töten konnte. In Japan kam dieses Wort 1895 auf, als nach dem japanischen Sieg über Qing mit der Triple-Intervention Rußland, Frankreich und Deutschland verhinderten, daß Japan die Halbinsel Liaodong in Anspruch nehmen konnte. Es mußte sich schließlich mit Taiwan begnügen, und der Zorn der japanischen Regierung richtete sich vor allem auf Rußland. Nach 10 Jahren jedoch kam es zum Russisch-Japanischen Konflikt, in dem Japan siegreich war.
  • 孟母三遷 Mèngmǔ-sānqiān: „die Mutter des Mencius zieht dreimal um, um dem Sprößling die bestmögliche Ausbildung angedeihen zu lassen“. Mencius war einer der wichtigsten Schüler des Konfuzius, aber bevor er zu einem solchen Gelehrten werden konnte, mußte er zunächst seine Kindheit überstehen. Die Legende besagt, daß seine Mutter sehr großen Wert auf die Ausbildung ihres Sohnes legte. Zunächst wohnten sie in der Nähe eines Friedhofs, so daß der Junge häufig Beerdigungen nachspielte, was der Mutter nicht gefiel, so daß sie umzogen. Dort wohnten sie jedoch in Nähe eines Marktes, so daß er häufig Geschäftemachen spielte, was auch nicht gut war. Schließlich zogen sie in die Nähe einer Schule, und die Mutter war es zufrieden.
  • 孟母斷機 Mèngmǔ-duànjī (auch 斷機教子) „die Mutter des Mencius bricht den Webkamm ab“: Mencius bricht seine Ausbildung mittendrin ab. Nachdem Mencius zum Jüngling geworden war, wurde er, wie es Sitte war, fortgeschickt, um bei wichtigen Gelehrten direkt zu lernen. Eines Tages aber kam er urplötzlich nach Hause und traf seine Mutter im Haus am Webstuhl arbeitend an. Erstaunt fragt diese ihn, was mit seinen Studien sei, und er sagte, er habe sie so vermißt und sei daher wiederzurückgekehrt. Resolut bricht die Mutter dann den Webkamm mitsamt dem Stück Stoff, das sie am Weben war, um ihrem Sohn so zu zeigen, daß man sein Studium, genauso wie das Weben, nicht ohne weiteres mittendrin unterbrechen könne. (Ein viel häufiger gebrauchtes Chengyu, das eine ähliche, aber allegemeinere Bedeutung hat, ist 半途而廢). Diese beiden Geschichten von Mencius‘ Mutter werden auch unter dem Chengyu 斷機擇鄰 zusammengefaßt und bezeichnen den großen Einsatz der Mutter für die Ausbildung ihres Sohnes.
  • 焚書坑儒 fénshūkēngrú: der erste Qin-Kaiser läßt Bücher verbrennen und ihm mißliebige (konfuzianische) Gelehrte bei lebendigem Leibe begraben. Der erste Kaiser, der China zu einem starken Reich vereinigte, stand unter dem Einfluß von legalistischen Gelehrten, die ihn mehr und mehr gegen die Konfuzianer aufbrachten, was schließlich im Verbot und Verbrennung vor allem konfuzianischer, aber auch anderer mißliebiger Werke mündete. Die Begrabung der Gelehrten soll sich zugetragen haben, nachdem der Kaiser, der auf der Suche nach der Unsterblichkeit war, von betrügerischen Gelehrten ausgenutzt worden war. Diejenigen, die Unsummen an Geld für die Entwicklung einer Tinktur erhalten hatten, waren selbstredend über alle Berge, aber er ließ dafür dennoch an 460 meist konfuzianischen Gelehrten ein Exempel statuieren und diese bei lebendigen Leibe begraben. Später wurde dieses Wort für extreme Unterdrückung von Meinungsfreiheit verwendet, wie z.B. die Bücherverbrennung unter den Nazis oder auch die Kulturrevolution.
  • 四面楚歌 sìmiàn-Chǔgē „Gesang von Chu von allen vier Seiten“: Xiang Yu und Liu Bang streiten um das Erbe des Qin-Reiches: dies stellt das Ende des Machtkampfes zwischen den beiden Seiten dar, Xiang Yu, der die Truppen der Chu anführt, ist von den Truppen des Liu Bang, der später das Han-Reich begründen sollte, eingekesselt („vier Seiten“). In dieser Situation bedient sich Han Xin, der in dieser Schlacht die Han-Truppen anführt, einer List: er läßt die gefangen genommenen Chu-Soldaten  über alle Seiten verteilen und Lieder von Chu singen.  Dies erinnerte die noch im Kampf befindelichen Chu-Truppen an ihr Zuhause und nahm ihnen die Motivation zum Kämpfen und gab auch Xiang Yu den Eindruck, daß ganz Chu entweder überrannt oder übergelaufen war und beging schließlich Selbstmord. Dieses Wort kann in einer Situation verwendet werden, wenn man von allen Seiten eingekreist ist, bzw. wenn man von allen Verbündeten verraten und verlassen wurde und allein gegen eine feindliche Übermacht ansteht.
  • 夜郎自大 Yèláng-zìdà „Yelang hält sich für etwas Großes“:  das Han-Reich bestand knapp 400 Jahre, und in der Zeit gab es an dessen Peripherie ein paar kleinere Reiche, darunter auch Yelang auf dem Gebiet des heutigen Yunnan. Der Fürst von Yelang war dem Han-Reich ein Dorn im Auge, aber anfänglich ließ man ihn gewähren. Einmal soll der Fürst die Gesandten des Kaisers herausgefordert haben und sie gefragt haben, welches größer sei, Han oder Yelang. Später sollte Han dem kleinen Reich ein Ende bereiten. Dieses Wort bezeichnet eine grandiose Selbstüberschätzung mit einer gehörigen Portion an arroganter Ignoranz.
  • 三顧草蘆 sāngùcǎolú/三顧茅蘆 sāngùmáolú „dreimal die Gras-/Reet-hütte besuchen“: Zeit der Drei Reiche, nachdem das Han-Reich unterging, kamen drei Reiche auf, die um die Vorherrschaft kämpften, was in dem historischen Roman „Geschichte der Drei Reiche“ unsterblich gemacht wurde.  Einer der drei Reiche war unter der Herrschaft von Liu Bei, der den klugen Strategn Zhuge Liang bitten wollte, in seine Dienste zu treten. Dieser zierte sich jedoch und zog es vor, in einer abgelegenen Region seinen Acker zu bestellen und seinen Studien nachzugehen. Dann aber reiste Liu Bei persönlich, zusammen mit seinen engsten Mitstreitern, in die abgelegene Region zur Hütte (die je nach Version entweder gras- oder reetgedeckt war) von Zhuge, und sprach insgesamt dreimal bei ihm vor, bis er sich schließlich erweichen ließ. Er sollte zu einem der wichtigsten Strategen und Heerführer Liu Beis werden. Im heutigen Kontext kann dieses Wort z.B. im Zusammenhang mit Unternehmen verwendet werden, die keinen Mühen scheuen, um talentierten Nachwuchs einzustellen.
  • 風聲鶴唳 fēngshēnghèlì „Laut des Windes und Ruf des Kranichs“: Östliche Jin. Nach den Wirren der Drei Reiche der Nach-Han-Zeit hatte schließlich Jin alle drei Reiche besiegt und das Land wiedervereinigt, doch schon 50 Jahre später mußte Jin den Norden aufgeben, der nach einigen Wirren schließlich unter den Früheren Qin vereinigt wurde. Im Jahre 383 dann zog der Kaiser der Früheren Qin mit  mehr als 500.000 Soldaten gen Süden (die Truppen so zahlreich, daß sie den Fluß stauen würden, wenn sie alle ihre Peitschen ins Wasser werfen würden 投鞭斷流), um den Östlichen Jin den Garaus zu machen.  Die Östlichen Jin hatten nur 80.000 Truppen aufzubieten, konnten sich aber erfolgreich den Methoden der psychologischen Kriegsführung zu bedienen, um die Angreifer zu demoralisieren. Diese waren so verunsichert, daß sie nachher auch die Gräser für feindliche Soldaten hielten (草木皆兵). Zudem waren die Truppen von Jin auch besser ausgebildet und genährt, so daß trotz einer riesigen Übermacht die Jin eine der wichtigsten Schlachten der chinesischen Geschichte, die Schlacht vom Fei-Fluß, gewannen und sich so ihre Unabhängigkeit bewahren konnten. Die unterlegenen Qin-Truppen flohen indes zurück in den Norden und waren so schreckhaft, daß Windgeräusche und Vogelgeräusche sie in Angst und Schrecken versetzten. Dieses Wort steht also für ein extrem schreckhafte Gruppe von Menschen, die in allem eine Gefahr wittern. Manchmal wird es auch kombiniert zu 風聲鶴唳, 草木皆兵.
  • 畫龍點睛 huàlóngdiǎnjīng „beim Malen eines Drachens die Augen malen, ein Meisterwerk abschließen“: Aus der Zeit des Südlichen und Nördlichen Dynastien, die nach dem Untergang der Östlichen Jin in Nord und Süd eine Zeit der politischen Unruhen darstellten, in denen aber Kunst und Wissenschaft eine bis dato nie gekannte Blüte erfuhren. Dazu gehörte auch die Malerei, und einer dieser Maler war Zhang Sengyao, der unter den Südlichen Liang in Wu gelebt haben soll. Einmal wurde er beauftragt, in einem Tempel im heutigen Nanjing vier Drachen zu malen, was er auch tat, jedoch ohne die Augen zu malen. Als er nach dem Grund gefragt wurde, sagte er, daß seine Malerei so lebensecht sei, daß die Drachen zum Leben erwachen und davonfliegen würden, wenn er die Augen hinzufügen würde. Die Legende besagt, daß er dies tatsächlich auf Aufforderung bei einem der vier Drachen tat und dieser prompt davonflog. Dieses Wort kann entweder bedeuten, daß man ein Meisterwerk abschließt und es sozusagen zum Leben erwacht, auch im Sinne von „mit einem kleinen Federstrich ein Meisterwerk fertigstellen“, das i-Tüpfelchen also. Im übertragenen Sinne kann es auch bedeuten, mit wenigen Worten eine wichtige Aussage zu treffen, „to drive home the point otherwise difficult to explain“ sozusagen.
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