8. April 2009

項羽 und 成語 (Teil 1)

Posted in Geschichte, 四字組, 成語 um 9:44 pm von krisnawan

 項羽 Xiàng Yǔ ist eine der großen tragischen Figuren der chinesischen Geschichte. Ein großer Stratege und General, der schnell unter dem Titel 西楚霸王 Xīchǔbàwáng „Eroberer aus dem westlichen Chu“ bekannt wurde, stieg er in den Wirren der Endzeit der ersten chinesischen Qin-Dynastie schnell zu großer Macht und Ehre auf. Ihm schien die Errichtung der nächsten Dynastie vorbestimmt zu sein, doch unterliegt am Ende im Machtkampf gegen seine Rivalen 劉邦 Liú Bāng und  韓信 Hán Xìn, von denen ersterer schließlich der erste Kaiser der Han-Dynastie werden sollte. Sein tragisches Schicksal wurde schon früh von chinesischen Historikern unsterblich gemacht, aber außerhalb  Chinas wurde er durch die Verfilmung der Peking-Oper „Farewell my concubine“ (霸王別姬 bàwángbiéjī) berühmt.

Im ersten Teil geht es um Chengyu, die aus der Zeit seines Aufstiegs stammen, im zweiten dann geht es um seinen Fall.  

Xiang Yu wuchs unter der Herrschaft der Qin-Dynastie auf, doch deren Macht begann schon nach dem Tod des Begründers und des ersten Kaisers der chinesischen Geschichte zu bröckeln. Vielerorts brachen Revolten aus, die oftmals zum Ziel hatten, die von den Qin eroberten und in ihr Reich einverleibten Königreiche wiederzugründen. Darunter auch Chu, aus deren Herrschaftsgebiet Xiang Yu stammte. Zusammen mit Liu Bang und Han Xin sollte er zu den hervorragendsten Heerführern ihrer Zeit werden, die nominell noch in Diensten des wieder eingesetzten Königs von Chu standen, aber schnell das wirkliche Ziel ins Auge faßten: China neu zu vereinen und ihre eigene Dynastie zu gründen.

  • 作壁上觀  zuòbìshàngguān „von der Mauer aus dem Kampf zusehen“: Mit der Niedergang der Macht des Qin-Reiches machte auch der Fürst von Zhao Anstalten, sein dem Qin-Reich einverleibtes Königreich wiederzuerrichten. Die Qin wollten derlei Tendenzen jedoch im Keim ersticken und schickten Truppen nach Zhao, die alsbald die dortige Hauptstadt Julu einschlossen. Der König von Chu wiederum schickte Song Yi und dessen Stellvertreter Xiang Yu nach Julu, um Zhao beizustehen. Dort angekommen, zeigte Song Yi jedoch keine Regung, den Zhao zu helfen, vielmehr wollte er zusehen, wie sich die Truppen von Qin und Zhao gegenseitig aufrieben und griff nur vereinzelt ein. Auf die wütenden Proteste Xiang Yus hin, der einen gegen Qin gefallenen Verwandten rächen wollte, tadelte Song Yi seinen Untergebenen scharf und drohte zudem jedem, der sich einer Insubordination schuldig machen würde, mit der Todesstrafe. Schließlich wuchs der Zorn des Xiang Yu dermaßen an, daß er Song Yi umbrachte und sich kurzerhand selbst zum Befehlshaber ausrief, was von den anderen Generalen aufgrund der Unfähigkeit von Song Yi akzeptiert wurde. Im Englischen gibt es eine ähnliche Redewendung, „to sit on the fence“. Dieses Wort bezeichnet also eine Situation, in der jemand bei einem Konflikt zwischen zwei anderen nicht eingreift, sondern seelenruhig den Ausgang abwartet.
  • 以一當十 yǐyīdāngshí: 10 gegen 1. Xiang Yu übernahm das Kommando über die Truppen von Chu und zog gegen die Qin, die die Hauptstadt von Zhao, Julu, eingeschlossen hatte. Die genauen Angaben widersprechen sich, aber manche Quellen sprechen davon, daß Xiang Yu nur ein Zehntel der Truppenzahl der Qin hatte, etwa 30.000 gegen 300.000. Dieses Chengyu bezeichnet dieses Verhältnis. (Anmerkung: die nebenstehende Quellenangabe verweist nicht nur auf die Beschreibung von Xiang Yu im Shiji, sondern auch auf eine frühere Verwendung im Zhanguoce. Allerdings wird dieses Chengyu häufig in Verbindung mit Xiang Yu erwähnt.) 
  • 破釜沈舟 pòfǔchénzhōu „die Kessel zerbrechen und die Schiffe versenken“ (wichtiges Chengyu!): Angesichts dieser Zahlenverhältnisse fand Xiang Yu eine außergewöhnliche Methode, seine Truppen zu motivieren: er gab den Truppen Proviant für drei Tage, ließ den Rest (die Kessel) zerstören und schnitt ihnen außerdem den Fluchtweg ab, indem er die Schiffe versenken ließ.  Diese Strategie hatte Erfolg, der Sieg von der Schlacht von Julu leitete den Untergang der Qin ein. Später wird Han Xin eine ähnliche Strategie verfolgen, indem er mit seinen Truppen mit dem Rücken zu einem Fluß kämpft: 背水一戰 (bèishuǐyīzhàn). Diesem Wort entspricht in unserem Kulturkreis in etwa die Entscheidung von Julius Cäsar, den Rubikon zu überschreiten: hiernach gab es kein Zurück mehr, denn sobald die Truppen den sakrosankten Grenzfluß übertraten, mußten sie siegreich sein bis zum bitteren Ende. Beiden Worten ist gemein, daß das Unterfangen am Ende erfolgreich ist.
  • 鴻門(夜)宴 Hóngmén(yè)yàn: der König von Chu hatte demjenigen Heerführer, der zuerst Xianyang, die Hauptstadt des Qin-Kaiserreichs in der Nähe des heutigen Xi’an, einnimmt und damit der Qin-Dynastie ein endgültiges Ende bereitet, die Prinzenwürde von Qin versprochen. Während Xiang Yu mit der Schlacht von Julu beschäftigt war, war indes Liu Bang direkt auf dem Weg nach Luoyang geschickt worden, das er nach einer Weile auch einnahm. Als Xiang Yu nach siegreicher Schlacht nach Luoyang kam und die Truppen  von Liu Bang in Besitz der Kaiserhauptstadt vorfand, verfiel er in große Rage, da er das Privileg, Xianyang zu besetzen, für sich in Anspruch genommen hatte. Angestachelt von seinem Berater Fan Zeng, der dies als eine gute Gelegenheit für Xiang Yu sah, seinen Konkurrenten Liu Bang auszuschalten, wollte er seine dreifache Truppenübermacht ausnutzen und Liu Bang und seine Truppen vernichten. Der Onkel von Xiang Yu, Xiang Bo, berichtete Liu Bang jedoch von dem Plan, aber anstatt zu fliehen, bekniete Liu Bang ihn, sich bei seinem Neffen für ihn einzusetzen, da er bereit sei, sich Xiang Yu zu unterwerfen. Xiang Bo glaubte ihm dieses und war tatsächlich erfolgreich, seinen Neffen fürs erste vom Angriffsplan abzubringen und ihn statt dessen dazu zu bringen, ein Bankett für Liu Bang im Lager von Xiang Yu am Hongmen abzuhalten. Zu diesem erschien Liu Bang am nächsten Morgen. Bezugnehmend auf dieses Ereignis bezieht sich 鴻門宴 auf  ein im wahrsten Sinne des Wortes ominöses Bankett (筵席yánxí), ein Bankett, dessen Gastegeber keine lauteren Absichten hat. 
  • 人為刀俎、我為魚肉: rén wéi dāozǔ、wǒ wéi yúròu (weitere Erläuterung hier): Liu Bang erschien also zum Bankett, aber dessen Leibgarde wurde nicht hineingelassen, so daß dieser ungeschützt Xiang Yu und seinen Männern ausgeliefert war.  Im Grund war Liu Bang wie ein Lamm zur Schlachtbank gegangen, und genau hierauf bezieht sich dieses Wort: „ich bin wie das Fisch und Fleisch, andere aber sind das Messer“, auf englisch auch „to be on somebody’s chopping block“.
  • 項莊舞劍、意/志在沛公 Xiàng Zhuāng wǔjiàn、yì / zhì zài pèi gōng: „die Absicht des Schwerttanzes von Xiang Zhuang liegt im Fürsten von Pei (ein Titel von Liu Bang)“. Ungeschützt war Liu Bang also auf dem Bankett von Xiang Yu, und dessen Berater Fan Zeng witterte immer noch eine gute Gelegenheit, sich des Rivalen zu entledigen, aber Xiang Yu war unentschlossen. Fan Zeng ließ dann den Vetter von Xiang Yu, Xiang Zhuang, einen Schwerttanz vorführen, vorgeblich um den Anlaß feierlich zu unterstreichen, aber in Wirklichkeit hatte Fan Zeng diesem aufgetragen, im Verlaufe der Aufführung Liu Bang zu töten. Xiang Bo, der Liu Bang auch am Anfang vor Xiang Yus Angriffsplänen gewarnt hatte, erkannte auch diese Gefahr und durchkreuzte die Absicht Fan Zengs, indem er sich als Tanzpartner zu Xiang Zhuangs Schwerttanz anbot und immer im richtigen Augenblich Liu Bang abschirmte. Dieses Wort bezieht sich daher auf eine Situation, in der hinter den Worten und Taten einer Person eine finstere Absicht steckt.
  • 沐猴而冠 mùhóu’érguàn (weitere Erläuterung hier, lustige Grafik hier): Xiang Yu hatte lange gezögert, Liu Bang töten zu lassen, und nicht allzu lange nach dem Schwerttanz verschwand Liu Bang unter einem Vorwand, und überließ die Stadt den Truppen von Xiang Yu, der den Kaiser und  seine Familie umbringen, den Kaiserpalast niederbrennen und ansonsten den Truppen freien Lauf ließ beim Plündern und Brandschatzen der Stadt.
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