14. Januar 2012

Taiwan-Wahlen Vokabular, Teil 3

Posted in Uncategorized um 1:19 am von krisnawan

Im dritten Teil dieser Serie soll es um Ausdrücke gehen, die politische Taktiken und Effekte bezeichnen, die in der politischen Analyse eine Rolle spielen können. Es handelt sich um zwei Taktiken, die „Karten“ (牌子 páizi) bezeichnet werden, und um drei Effekte (效應 xiàoyìng).

  • 告急牌 gàojí pái „Panikkarte“: ein in vielen demokratischen Ländern bekannter Effekt: wenn ein Kandidat/eine Kandidatin besonders stark zu sein scheint, bleiben viele von seinen/ihren Anhänger oft zu Hause, da sie davon ausgehen, dass der Kandidat/die Kandidatin sowieso gewinnen wird. Dies kann sich negativ auf das Stimmgewicht auswirken, so dass dann in der Endphase zur „Panikkarte“ gegriffen wird: der Kandidat/die Kandidatin appelliert an alle Anhänger, ja zur Wahl zu gehen, denn diesmal steht alles auf Messers Schneide! Beliebte Slogans: „Rettet mich“ (拯救), „Auf Ihre Stimme kommt es an“ (就差您一票!)
  • 悲情牌 bēiqíng pái „Trauerkarte“, wohl besser „Mitleidskarte“: dies ist ebenfalls eine beliebte Taktik, nämlich all die Ungerechtigkeiten, die den Kandidaten/die Kandidatin befallen haben, herauszustellen. Politische Verfolgung, persönliche Unglücke und Krankheiten, alles, was die Wählerinnen und Wähler bewegt. In der Endphase des Wahlkampfes gibt es Kandidaten, die auf ihren Wahlkampfwagen sich vor den Zuschauern niederknien und mit Tränen in den Augen um die Stimmen flehen.
  • 棄保效應 qìbǎo xiàoyìng „Damenopfer-Effekt“: ein Begriff aus dem chinesischen Schach (Xiàngqí): 棄車保帥 qìjū–bǎoshuài („den Turm opfern, um den General (König) zu schützen“). Die drei ostasiatischen Demokratien, Japan, Südkorea und Taiwan, haben bis vor einigen Jahren alle in ihrem Wahlrecht das Prinzip der Mehrpersonenwahlkreise verwendet, d.h. die Wähler hatten eine, nicht-übertragbare Stimme, um Kandidaten in ihren jeweiligen Wahlkreisen zu wählen, wobei jedoch jeder Wahlkreis von mehreren Abgeordneten repräsentiert wurde. Dies führte zu innerparteilichen Streitigkeiten, da in vielen Wahlkreisen mehrere Kandidaten derselben Partei gegeneinander antraten. Das Damenopfer kam immer dann zur Anwendung, wenn eine Partei  befürchten musste, dass sie in einem Wahlkreis gar keine Kandidaten durchbringen würde. In einem solchen Fall würde die Partei an ihre Anhänger appellieren, dem Kandidaten/der Kandidatin die Stimme zu geben, der/die die besten Chancen hätte, ins Parlament einzuziehen, und die anderen Kandidaten derselben Partei zu “opfern”. Das Wahlrecht wurde zum Jahr 2008 nun dahingehend geändert, dass die meisten Wahlkreise jetzt Einpersonenwahlkreise geworden sind, mit Ausnahme der Wahlkreise der Ureinwohner.
    Im Wahlkampf 2012 wurde der Begriff verwendet, um das komplizierte Verhältnis zwischen zwei der größten Politiktalente ihrer Generation zu beschreiben, das zwischen Lien Chan (連戰) und James Soong (宋楚瑜). Beide begannen ihre Karriere in der KMT zu Diktaturzeiten. Als es 2000 um die Nachfolge von Präsident Lee Tenghui ging, setzte dieser die Kandidatur von Lien gegenüber dem in der Partei beliebteren Soong durch, der daraufhin die KMT verließ und als Unabhängiger antrat. Chen Shuibien (陳水扁) von der oppositionellen DPP war damals der lachende Dritte. Lien und Soong söhnten sich in der Folge aus, Soong gründete die PFP, die eine Koalition mit der KMT einging. In den letzten Jahren sind die Differenzen jedoch wieder gewachsen, was in der erneuten Kandidatur zur Präsidentschaft von James Soong gegen KMT-Amtsinhaber Ma Ying-jeou kulminierte. Lien Chan zögerte lange, sich öffentlich gegen seinen politischen Freund auszusprechen, bezog dann aber klar Position für Ma und gegen Soong. Dies wurde in der Presse als „Damenopfer“ von Lien bezeichnet. Er opferte die politische Freundschaft zu Soong, um seiner Partei zu helfen.
  • 西瓜效應 xīguā xiàoyìng „Wassermelonen-Effekt“. Dies rührt von einem taiwanesischen Sprichwort her, „die Wassermelone liegt immer auf der größeren Seite“. Dies kann verschiedene Dinge bezeichnen: zum einen eine Art „Mitnahme-Effekt“, d.h. dass beim vorhersehbaren Erfolg eines Kandidaten/einer Kandidaten viele auf den fahrenden Zug mit aufspringen wollen, sei es, dass Wähler mit ihrer Stimme auf das richtige Pferd setzen wollen, oder dass erfolgreiche Kandidaten die Anzahl ihrer politischen Freunde plötzlich vervielfachen könnne. Zum anderen kann der Begriff das bezeichnen, was im Englischen coattail effect genannt wird, z.B. bei den US-Präsidentschaftswahlen: ein starker Präsidentschaftskandidat wie Barack Obama im Jahr 2008 hatte bewirkt, dass viele demokratische Kandidaten bei zeitgleich abgehaltenen Wahlgängen mehr Stimmen als sonst bekamen. Da diesmal in Taiwan die Wahlen zur Präsidentschaft und zum Parlament zeitgleich abgehalten werden, kann dieser Effekt im Positiven wie im Negativen eintreten.
  • 鐘擺效應 zhōngbǎi xiàoyìng „Pendeleffekt“: bezeichnet die unbewusste Neigung der Wählerinnen und Wähler, eine Balance in den politischen Mächteverhältnissen herstellen zu wollen. In Deutschland ist dies oft der Fall bei Landtagswahlen, bei denen die Parteien, die im Bund regieren, einen schwereren Stand haben als die anderen. Genauso, dass nach einer Anzahl Jahren von Partei X an der Macht die Wählerschaft kollektiv auf die Idee kommt, es mal Partei Y probieren zu lassen.
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1 Kommentar »

  1. tch said,

    Sie sind wirklich ein Taiwan-Kenner. Respekt.


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